Dienstag, 18. Oktober 2016



Connie Palmen - Du sagst es - Diogenes Verlag   





Ted Hughes. Sylvia Plath.
Über kaum ein Schriftstellerpaar wurde so viel publiziert. Es gibt Biografien, Werkanalysen, Doktorarbeiten.  Literaturwissenschaftler, Studenten, Journalisten und Bekannte des Paares fühlten sich geradezu aufgerufen, ihre Untersuchungen, Eindrücke, Interpretationen zu veröffentlichen.  In den 80er Jahren kam ein Ballett des Choreografen Johann  Kresnik zur Aufführung. „Sylvia Plath ein Psycho-Schocker“ schrieb dazu der SPIEGEL . Den jungen Frauen der 70er, 80er und 90er Jahren war eins ganz klar: Sylvia Plath, die Ausnahmelyrikerin, zerbrach an Systemkonventionen, einer zu ehrgeizigen Mutter und vor allem am Ehemann Ted Hughes, der eigene Ambitionen verfolgend, sie lieber mit Hausarbeit und Kindern beschäftigt sah, als im künstlerischen Prozess.
Das musste so sein, folgte diese Interpretation doch dem emanzipatorischen Zeitgeist.

Nun lässt Connie Palmen mit „Du sagst es“ Ted Hughes zu Wort kommen, er beschreibt „wie unser wahres Leben unter einer Schlammlawine aus Gerüchten, Erfindungen, Mythen verschüttet wurde, wie … komplexe Persönlichkeiten durch klischeehafte Figuren ersetzt wurden – die zerbrechliche Heilige und der brutale Verräter.“ Mit diesen simplen, mit diesen falschen Bildern möchte Connie Palmen aufräumen – doch spricht ja nicht sie, Ted Hughes , der bis kurz vor seinem Tod Ende der 90er Jahre sich niemals zu Fehlinterpretationen und Vorwürfen geäußert hatte, sagt es. Dabei lässt ihn seine Autorin sehr gelungen, zwar chronologisch, doch dann  in einer Art freien Assoziation erzählen.  Sie  zieht dazu diverse Quellen heran, ein Blick in diese Sekundärliteratur  legt schnell ihr Vorgehen und die Struktur ihres Buches offen – doch handelt es sich keineswegs um bloße SichtenUndDannSchreibenFleißarbeit. Palmens Buch ist so wunderbar, so eindringlich berührend, weil es ihr in Diktion und Stil gelingt, die Illusion des selbstständigen Erzählens Hughes hervorzurufen.  Gekonnt arbeitet sie unter Rückgriff auf Essays, Briefe, Gedichte, Tonaufnahmen seinen Duktus und seine lebensbestimmenden Themen heraus.  So erleben wir den Beginn einer großen Liebe, den - oft schmerzhaften - Prozess der Künstlerprofilierung, die wachsende Familie, die zerstörende Krankheit. Die Ehe dieser beiden Schriftsteller wirkt auch heute noch modern, und zeigt doch in Moral- und Rollenverständnis , die durch Erziehung und Ausbildung gelegten Ideale der 50er und 60er Jahre.

Connie Palmen gelingt es fabelhaft, uns ganz in das Leben und Schaffen des Paares Plath/Hughes hineinzuziehen – und dieser Sog hält lange an. Jetzt gilt es, Gedichte der beiden neu zu lesen, Details zu entdecken, die ohne dieses exzellente Buch  für mich wohl noch lange verschlossen geblieben wären.


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