Mittwoch, 10. August 2016

Emma Cline - The Girls - Hanser Verlag





Im Jahr 2014 gewann die erst  25ährige Emma Cline für eine short story den renommierten Plimpton Prize der Paris Review, im selben Jahr erhielt sie bereits einen Millionenvorschuß für mehrere Romane und wird seitdem unter der Rubrik Wunderkind, große Hoffnung, großes Talent geführt. Diese Kategorien sind falsch gewählt, denn der vorliegende Roman “The Girls” zeigt bereits das ganze Können einer exzellenten Schriftstellerin. Indes liegt dem Buch keine Fiktion zugrunde, Vorlage waren die Kommune der Manson-Family und dann die späteren Morde, die - nicht zuletzt durch den Tod der Schauspielerin Sharon Tate, Ehefrau des Regisseurs Roman Polanski - noch heute einer breiten Öffentlichkeit  im Gedächtnis sind.

Die Darstellung des Menschenspielers Russell / Manson und die Entwicklungen auf der Ranch bis hin zur Tat stellt Emma Cline exzellent und schlüssig dar. Ihre Personenzeichnungen sind detailreich, die allgemeinen Lebensumstände der Protagonisten sind glaubwürdig dargestellt, das alles liegt zum größten Teil an der sprachlichen Vielfalt der Autorin, sie weiß sehr gut eindrückliche Bilder und Metaphern zu zeichnen und sie führt ein junges Publikum an die Zeit des legendären summer of love heran, erklärt das Lebensgefühl der Zeit, zu dem selbstverständlich Drogen, freie Liebe und nachfolgend experimentelle Lebensformen gehörten.

Größere Passagen sind dem typischen Familienleben der amerikanischen weißen Mittelschicht der 60er Jahre gewidmet. Diese Absätze erinnern inhaltlich an Marilyn Frenchs Studienroman “Die Frauen” in denen das Leben der surburban housewives erschreckend deutlich aufbereitet wurde. Von dieser noch WWII geprägten Elterngeneration und ihrer als spießig empfundenen Werte galt es sich zu distanzieren, was war da besser als sich dem LovePeaceAndHappiness einer spirituellen Hippiekommune anzuschließen und damit dann ganz ohne lästige Aufsicht erwachsen zu werden? So heißt es idealisierend im Roman “diese langhaarigen Mädchen schienen über allem zu schweben, was um sie herum geschah … wie Fürstinnen im Exil”.

Doch zeigt die Debütantin Emma Cline  nicht nur stilistisch das Können einer gereiften Schriftstellerin, auch inhaltlich ist der Roman von großer Differenziertheit. Denn es geht ja nur vordergründig um die spannend-schauerliche Geschichte der Manson Family und der Titel “The Girls” bezieht sich keineswegs nur auf die weiblichen Mitglieder der Gruppe.
Die Autorin liefert mit ihrem Roman auch und vor allem ein Psychogramm des Teenagergirls generell, das in seiner Allgemeingültigkeit gleichzeitig fasziniert und bestürzt - lässt sich doch feststellen: so viel hat sich im Umgang, aber auch im Selbstverständnis junger Mädchen seit den vergangenen gut 45 Jahren nicht geändert.

“Ich wartete darauf, dass jemand mir sagte, was gut an mir war. Später fragte ich mich, ob das der Grund dafür war, dass es auf der Ranch viel mehr Frauen als Männer gab. All die Zeit, die ich darauf verwendet hatte, mich vorzubereiten, die Artikel, die mich gelehrt hatten, dass das Leben eigentlich nur ein Wartezimmer war, bis einen jemand bemerkte - diese Zeit hatten die Jungs damit verbracht, sie selbst zu werden.”
Auch und gerade wieder in der heutigen Zeit wird durch eine überbehütende Elternschaft Mädchen die Möglichkeit genommen, sich auszutesten, über die Strenge zu schlagen, dabei auch Misserfolge hinzunehmen …. und erstarkt daraus hervorzugehen.

Junge Mädchen definieren sich allerdings kaum über die Eltern, sondern über Freundinnen und Freunde. “Mädchen sind die einzigen, die einander wirklich Aufmerksamkeit schenken können, die Art, die wir mit Geliebtwerden gleichsetzen.” Wie stark jedoch auch heute noch der Wunsch nach der Anerkennung der Jungs ist und sei es um den Preis der Demütigung, auch das zeigt Emma Cline mit einem stilistischen Kunstgriff in die heutige Zeit - in diesen Passagen will ein Mädchen einem Jungen (und dessen viel älteren Freund) unbedingt gefallen, will dass er ihr Anerkennung zeigt, sie liebt. Doch das geht nur über Aussehen, über direkte Körperlichkeit am besten. So zog sie schließlich “ihr Shirt herunter, das Gesicht gerötet - doch größtenteils verträumt”.


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