Dienstag, 9. August 2016


Käsebier erobert den Kurfürstendamm - Gabriele Tergit - Schöffling & Co 



Gabriele Tergit , Journalistin und Schriftstellerin (1894 – 1982), schildert in ihrem Roman “Käsebier erobert den Kurfürstendamm“, das Lebensgefühl am Ende der Weimarer Republik. Ihre Protagonisten entstammen ihrem eigenen beruflichen Milieu, es sind die Zeitungsmacher, die Redakteure, Schriftsetzer, Drucker, denen ihr besonders Interesse, ihre Zuneigung gilt. Der Tonfall trifft dabei genau den Berliner Jargon: Schnodderig und großmäulig, man “roch diese Luft aus Freiheit, Frechheit und Benzin” - Großstadt eben. Doch “Berlin ist keine schicke Hauptstadt, wie Paris oder Rom oder London[…], nach Berlin kommt man vom Osten, um eine Stellung zu finden, um zu filmen, um zu malen, um Musik zu machen“. 

Um Musik zu machen kommt auch Käsebier, er singt einfache, volksnahe Berliner Lieder, doch die Journaille, immer am Puls der Zeit – schnellschnell die Zeilen hingekloppt , unter Druck in den Druck - stets um die Schlagzeile der Entdeckung eifernd, stilisiert ihn zum Chansonnier, hebt ihn zum Star empor, um ihn später genauso flott wieder fallenzulassen. 

Die Autorin gibt mit ihrer Sprache Tempo, Unrast, Oberflächlichkeit dieser Zeit um 1930 äußerst gelungen wieder. Technik, Kultur und Gesellschaft entwickeln und ändern sich rasant. Und wo Frauen eben erst für Wahlrecht und Universitätszugang kämpften, geben sie sich nun sehr selbstbewusst, kleiden sich à la mode im Garçonne-Stil und haben ein Verhältnis oder zwei. Doch definieren sie sich über Männer und deren Prestige und Einkommen, wirklich wirtschaftlich unabhängig sind sie nicht.

Zwar sind auch andere gesellschaftliche Änderungen wahrnehmbar, jüdische Geschäfte verschwinden, der eine oder andere verlässt Berlin und Deutschland, es gibt hohe Arbeitslosigkeit, die eine gnadenlose hire-and-fire-Mentalität begünstigt – doch noch singt und lacht man mit Käsebier, glaubt mit, Fleiß und Sparsamkeit sei alles irgendwie zu schaffen, und taumelt so mit geschlossenen Augen dem Abgrund entgegen, denn bald schon wird die schöne Glitzerwelt im braunen Morast versinken.

So ist der Roman um den gescheiterten Käsebier zugleich ein eindrucksvolles Zeitdokument, das – lockerleicht in Stil und Sprache – die feinen Risse und dann die tiefen Brüche offenlegt, die – vor lauter Leben kaum bemerkt – zum Untergang der Demokratie, des Bürgertums und der Stadt führen sollten.

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