Montag, 29. Februar 2016

Irmgard Keun - Kind aller Länder - Kiepenheuer&Witsch





Die zehnjährige Kully ist wahrlich ein Kind aller Länder, sie reist mit ihren Eltern durch Tschechien, Österreich, Polen , Frankreich, Belgien, Holland, die Familie ist auf der Flucht aus Nazideutschland, Vaters Bücher wurden dort verbrannt. Die Reise und die vielen Hotelaufenthalte sind schwierig zu bewerkstelligen, man hat keine Pässe, es fehlt an Geld. Der Vater ist ständig auf Beschaffungstour, Mutter und Tochter lässt er meist im Hotel zurück. In diesem unsteten, ständig Alkohol trinkenden Mann ist unschwer Joseph Roth zu erkennen, der Geliebte Irmgard Keuns.

Nun ist die Geschichte der Reise durch viele Länder aus Sicht und mit Sprache der Kully einfach und schnell zu lesen, sie schreibt, kurzweilig und amüsant, allerdings ist dabei immer die starke Verunsicherung durch Geldmangel und des Vaters Leichtsinn zu erkennen. Die Einblicke in das unsichere Leben deutscher Flüchtlinge im Europa der dreißiger Jahre sind eindrucksvoll, ja bewegend. Mir jedoch geht das Gleiten durch diese gewollt kindliche Darstellung ein wenig zu reibungslos und an manchen Stellen merkt man doch Irmgard Keuns bemühtes Streben nach kindgemäßen Sentenzen.

Um die Schriftstellerin und ihre eigene Flucht aus Deutschland - ihre Bücher wurden 1933 beschlagnahmt - richtig erfassen, richtig würdigen zu können, ist nach meiner Meinung weiterführende Lektüre nötig.

Ich empfehle hierzu Volker Weidermanns „Ostende 1936“ und „Verbrannte Bücher“ sowie von Irmgard Keun „Nach Mitternacht“. „Nach Mitternacht – ein Leben“ ist übrigens auch der Titel der Keun-Biografie von Katja Kulin.





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