Donnerstag, 27. Oktober 2016


Christian Kracht - Die Toten - Verlag Kipenheuer & Witsch






Ja – der Roman gefällt … wegen seiner kühlen Ästhetik und sprachlichen Finesse. Das Vorbild Nabokov spürt man, es gibt auch deutliche Reminiszenzen an den Meister.

Naja – vor lauter Formulierungsarbeit misslingt  die eine oder andere Metapher,  vor allem die Figuren aus der 2. Reihe bleiben blass und leblos. Die Protagonisten Nägeli und Amaksu, in deren Mischung man den Autor vermuten kann, sind gut gezeichnet.  So räsoniert der Regisseur Nägeli über die Schweizer Kulturschaffenden, deren beschränkte, kleinliche Attitüden ihn oft aus seinem Heimatland forttreiben, so dass er es verlässt, so oft es nur geht. Und über eine neue Arbeit: „… nun aber muss er tatsächlich etwas Pathetisches herstellen, einen Film drehen, der erkennbar artifiziell ist vom Publikum als manieriert …. empfunden wird“  - besser kann man auch Krachts Roman(motivation?) nicht beschreiben.

Naja – der historische Hintergrund versinkt in wohlbekannten Attributen, Klischees und ollen Kamellen (wie z.B. das Ondit von Filmschauspielerinnen, die sich Backenzähne ziehen lassen um „zeitloser“ zu wirken und regieanweisungsartig formulierte Slapstick-Szenen mit Charles Chaplin) - das Romangeschehen in so einer angestaubten Kulisse kann nicht wirklich fesseln, ein Hineinziehen des Lesers gelingt deshalb nicht – der Roman bleibt ohne Nachhall.

Nein – ich werde keinen weiteren Roman des Autors lesen


Dienstag, 18. Oktober 2016



Connie Palmen - Du sagst es - Diogenes Verlag   





Ted Hughes. Sylvia Plath.
Über kaum ein Schriftstellerpaar wurde so viel publiziert. Es gibt Biografien, Werkanalysen, Doktorarbeiten.  Literaturwissenschaftler, Studenten, Journalisten und Bekannte des Paares fühlten sich geradezu aufgerufen, ihre Untersuchungen, Eindrücke, Interpretationen zu veröffentlichen.  In den 80er Jahren kam ein Ballett des Choreografen Johann  Kresnik zur Aufführung. „Sylvia Plath ein Psycho-Schocker“ schrieb dazu der SPIEGEL . Den jungen Frauen der 70er, 80er und 90er Jahren war eins ganz klar: Sylvia Plath, die Ausnahmelyrikerin, zerbrach an Systemkonventionen, einer zu ehrgeizigen Mutter und vor allem am Ehemann Ted Hughes, der eigene Ambitionen verfolgend, sie lieber mit Hausarbeit und Kindern beschäftigt sah, als im künstlerischen Prozess.
Das musste so sein, folgte diese Interpretation doch dem emanzipatorischen Zeitgeist.

Nun lässt Connie Palmen mit „Du sagst es“ Ted Hughes zu Wort kommen, er beschreibt „wie unser wahres Leben unter einer Schlammlawine aus Gerüchten, Erfindungen, Mythen verschüttet wurde, wie … komplexe Persönlichkeiten durch klischeehafte Figuren ersetzt wurden – die zerbrechliche Heilige und der brutale Verräter.“ Mit diesen simplen, mit diesen falschen Bildern möchte Connie Palmen aufräumen – doch spricht ja nicht sie, Ted Hughes , der bis kurz vor seinem Tod Ende der 90er Jahre sich niemals zu Fehlinterpretationen und Vorwürfen geäußert hatte, sagt es. Dabei lässt ihn seine Autorin sehr gelungen, zwar chronologisch, doch dann  in einer Art freien Assoziation erzählen.  Sie  zieht dazu diverse Quellen heran, ein Blick in diese Sekundärliteratur  legt schnell ihr Vorgehen und die Struktur ihres Buches offen – doch handelt es sich keineswegs um bloße SichtenUndDannSchreibenFleißarbeit. Palmens Buch ist so wunderbar, so eindringlich berührend, weil es ihr in Diktion und Stil gelingt, die Illusion des selbstständigen Erzählens Hughes hervorzurufen.  Gekonnt arbeitet sie unter Rückgriff auf Essays, Briefe, Gedichte, Tonaufnahmen seinen Duktus und seine lebensbestimmenden Themen heraus.  So erleben wir den Beginn einer großen Liebe, den - oft schmerzhaften - Prozess der Künstlerprofilierung, die wachsende Familie, die zerstörende Krankheit. Die Ehe dieser beiden Schriftsteller wirkt auch heute noch modern, und zeigt doch in Moral- und Rollenverständnis , die durch Erziehung und Ausbildung gelegten Ideale der 50er und 60er Jahre.

Connie Palmen gelingt es fabelhaft, uns ganz in das Leben und Schaffen des Paares Plath/Hughes hineinzuziehen – und dieser Sog hält lange an. Jetzt gilt es, Gedichte der beiden neu zu lesen, Details zu entdecken, die ohne dieses exzellente Buch  für mich wohl noch lange verschlossen geblieben wären.


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Donnerstag, 25. August 2016





Verdrehte Zeit - Wlodimierz Odojewski - dtv Verlag






"Alles verschwimmt allmählich …. doch das geht vorbei und schließlich werde ich glauben, ich lebe noch“.
Spricht hier ein Toter? Aber nein, das kann doch nicht sein, dieses Gefühl der Unwirklichkeit, das Leser und Protagonist gleichermaßen bereits zu Beginn des  Romans „Verdrehte Zeit“ empfinden, ist doch sicher nur ein raffinierter Schachzug des kürzlich verstorbenen polnischen Autors Wlodzimierz Odojewski  ? So auch sein Hauptdarsteller: „Das ist doch nur eine hervorragend durchdachte, inszenierte Kriminalgeschichte, in die ich mich hatte verwickeln lassen“.

Aber wer ist dieser Mann mit dem Aliasnamen „Roman“? Ein Agent? Ein Warschauer Widerstandskämpfer? Ja, wir sind noch nicht mal sicher – spielt die Geschichte im Hier und Jetzt oder sind wir in der Zeit der deutschen Okkupation Polens? Wlodimierz Odojewski gelingt es meisterhaft, die große Spannung des Verwirrspiels seines exzellent konstruierten Romans von Anfang bis Ende aufrechtzuerhalten.

Unser Protagonist versucht verzweifelt sich in einer ihm fremden und doch so vertrauten Umgebung zurechtzufinden, die zwei Bildschablonen seiner Vergangenheit und Gegenwart müssen doch übereinandergelegt das richtige, das passende Leben ergeben, oder nicht? Denn es existiert doch nur eine beständige Zeiteinheit, die beides ist – oder ist es nur unsere merkwürdige und nicht überprüfbare Vorstellung von Zeit? Wo endet die Erinnerung und wo beginnt die Selbsttäuschung?
„Alles befand sich plötzlich gleichsam außerhalb von mir, hinter mir … die Grenze menschlicher Erfahrung überschreitend. In dieser umgekehrten Drehung verringerte sich schlagartig des Gewicht des ganzen Körpers … alles schien aus mir heraus- und herunterzufallen …. Mantel, Notizheft, Schlüssel, Personalausweis  (war das überhaupt mein Personalausweis? War ich eigentlich dieser Mensch! Wer war ich denn?), dann drehte sich alles noch eine Weile zusammen mit mir ..

Wlodzimierz Odojewski  legt eine dicke Schicht kalten Nebels über seinen Protagonisten, die langsam zur eisigen Erkenntnis der eigenen Schuld kristallisiert. Und bis zum Schluss herrscht diese wunderbare irrationale, bedrohliche Stimmung, die sicher nur ein Schriftsteller großer Klasse derart gekonnt wirken lassen kann . „Gehören meine Erinnerungen mir oder einer anderen Person?  Wieder war ich wie meines „Ichs“ beraubt, innerlich leer, aber doch so als säße in mir jemand, ein Fremder, der mir diktierte, was ich zu tun hatte.“                   



Weitere große polnische Romane des Jahres 2016:


„Drach“ von Szczepan Twardoch (Rowohlt Verlag Berlin), eine äußerst geschickt verwobene Geschichte Schlesiens durch die Jahrtausende in einem exzellenten innovativem Erzählstil ---- „die Erde weiß alles“.
Für diese und auch für die große übersetzerische Leistung werden Szczepan Twardoch und sein Übersetzer Olaf Kühl mit dem „Brücke Berlin“-Preis 2016 ausgezeichnet.   Dabei handelt es sich um einen Literatur- und Übersetzungspreis für zeitgenössische Werke der Bereiche Prosa, Essay, Lyrik und Drama aus Mittel- und Osteuropa. Die Preisverleihung  findet  am 28.9.2016 im Deutschen Theater Berlin statt.

 Fotos: Rowohlt Berlin



„Dunkel fast Nacht“ von Joanna Bator (Suhrkamp Verlag) - die Atmosphäre ist düster, die Stimmung in der Stadt und im alten Familienhaus unheimlich. Ständig fühlt sich die Journalistin Alicja Tabor beobachtet, um sie herum ereignen sich unerklärliche Dinge. Kinder verschwinden, Ermittlungen laufen ins Leere. Sehr gut und spannend geschriebener Roman mit leichter Gothic-Anmutung.

Der Roman wurde 2013 mit dem renommierten polnischen Nike-Preis ausgezeichnet.     Joanna Bator und ihre Übersetzerin Lisa Palmes waren für den Internationalen Literaturpreis 2016 (Preis für übersetzte Gegenwartsliteraturen) nominiert.


Fotos: Suhrkamp Verlag


Montag, 22. August 2016

Delphine de Vigan -  Nach einer wahren Geschichte - DuMont Buchverlag




Es dürfte einen Autor/ eine Autorin  wohl kaum etwas so reizen, wie das Einbinden ihrer Leserschaft ins Romangeschehen , oder besser gesagt: sie GLAUBEN zu machen, sie seien involviert, nähmen direkt am Schriftstellerleben und Arbeitsprozess teil, ja – sie wüssten über weite Strecken sogar mehr als die Autorin selbst.

Genau das ist Delphine de Vigan – nach einer wahren Geschichte, wie sie sagt – perfekt gelungen. Denn es ist von Anfang an völlig klar: hier spricht die französische Bestsellerautorin über sich selbst, erzählt von ihrem großen Erfolg „Das Lächeln meiner Mutter“, lässt uns an Lesereisen, Autogrammstunden und ihren Schreibblockaden teilhaben, und auch über Freunde und Familie wissen wir bald bestens Bescheid. Als sie dann auf einer Party die kapriziöse L. kennenlernt, ahnen wir – wohl offensichtlich schneller als die Autorin selbst – hier bahnt sich Böses an. Erinnerungen an Stephen Kings „Misery“ werden wach, während wir L. bei ihrem perfiden Spiel beobachten und V. viel zu langsam merkt – ihr größter Fan ist womöglich auch ihr größter Feind.

Ich will hier nichts weiter mehr vorwegnehmen, nur so viel sei gesagt: Vigan spielt in hochliterarischem Stil gekonnt mit ihrem Publikum, man merkt ihr die Freude am Ausfabulieren ihres Vexierbildes an, da wird schon mal die eine oder andere Begebenheit zu kleinschrittig und ausgedehnt erzählt – doch schnell findet sie wieder Tritt und spannt gekonnt den Bogen erneut  … fester – und bringt uns so nochmals in ihren Bann.
Und es ist doch die vielfach preisgekrönte Delphine de Vigan, die hier so fabelhaft erzählt? Oder sollte L. etwa ….

Lesen!


Anmerkungen:
Delphine de Vigan ist im September 2016 auf Lesereise:
12.9. internationales literaturfestival  Berlin
13.9. Hartliebs Bücher Wien
14.9. Literaturhaus Köln
15.9. Harbour Front Literaturfestival Hamburg

Glückwünsche an
- DuMont-Buchverlag für ein wirkliches tolles Buch
- Doris Heinemann für eine sehr gelungene Übersetzung
- Roman Polanski für die Sicherung der Filmrechte 

Mittwoch, 10. August 2016

Emma Cline - The Girls - Hanser Verlag





Im Jahr 2014 gewann die erst  25ährige Emma Cline für eine short story den renommierten Plimpton Prize der Paris Review, im selben Jahr erhielt sie bereits einen Millionenvorschuß für mehrere Romane und wird seitdem unter der Rubrik Wunderkind, große Hoffnung, großes Talent geführt. Diese Kategorien sind falsch gewählt, denn der vorliegende Roman “The Girls” zeigt bereits das ganze Können einer exzellenten Schriftstellerin. Indes liegt dem Buch keine Fiktion zugrunde, Vorlage waren die Kommune der Manson-Family und dann die späteren Morde, die - nicht zuletzt durch den Tod der Schauspielerin Sharon Tate, Ehefrau des Regisseurs Roman Polanski - noch heute einer breiten Öffentlichkeit  im Gedächtnis sind.

Die Darstellung des Menschenspielers Russell / Manson und die Entwicklungen auf der Ranch bis hin zur Tat stellt Emma Cline exzellent und schlüssig dar. Ihre Personenzeichnungen sind detailreich, die allgemeinen Lebensumstände der Protagonisten sind glaubwürdig dargestellt, das alles liegt zum größten Teil an der sprachlichen Vielfalt der Autorin, sie weiß sehr gut eindrückliche Bilder und Metaphern zu zeichnen und sie führt ein junges Publikum an die Zeit des legendären summer of love heran, erklärt das Lebensgefühl der Zeit, zu dem selbstverständlich Drogen, freie Liebe und nachfolgend experimentelle Lebensformen gehörten.

Größere Passagen sind dem typischen Familienleben der amerikanischen weißen Mittelschicht der 60er Jahre gewidmet. Diese Absätze erinnern inhaltlich an Marilyn Frenchs Studienroman “Die Frauen” in denen das Leben der surburban housewives erschreckend deutlich aufbereitet wurde. Von dieser noch WWII geprägten Elterngeneration und ihrer als spießig empfundenen Werte galt es sich zu distanzieren, was war da besser als sich dem LovePeaceAndHappiness einer spirituellen Hippiekommune anzuschließen und damit dann ganz ohne lästige Aufsicht erwachsen zu werden? So heißt es idealisierend im Roman “diese langhaarigen Mädchen schienen über allem zu schweben, was um sie herum geschah … wie Fürstinnen im Exil”.

Doch zeigt die Debütantin Emma Cline  nicht nur stilistisch das Können einer gereiften Schriftstellerin, auch inhaltlich ist der Roman von großer Differenziertheit. Denn es geht ja nur vordergründig um die spannend-schauerliche Geschichte der Manson Family und der Titel “The Girls” bezieht sich keineswegs nur auf die weiblichen Mitglieder der Gruppe.
Die Autorin liefert mit ihrem Roman auch und vor allem ein Psychogramm des Teenagergirls generell, das in seiner Allgemeingültigkeit gleichzeitig fasziniert und bestürzt - lässt sich doch feststellen: so viel hat sich im Umgang, aber auch im Selbstverständnis junger Mädchen seit den vergangenen gut 45 Jahren nicht geändert.

“Ich wartete darauf, dass jemand mir sagte, was gut an mir war. Später fragte ich mich, ob das der Grund dafür war, dass es auf der Ranch viel mehr Frauen als Männer gab. All die Zeit, die ich darauf verwendet hatte, mich vorzubereiten, die Artikel, die mich gelehrt hatten, dass das Leben eigentlich nur ein Wartezimmer war, bis einen jemand bemerkte - diese Zeit hatten die Jungs damit verbracht, sie selbst zu werden.”
Auch und gerade wieder in der heutigen Zeit wird durch eine überbehütende Elternschaft Mädchen die Möglichkeit genommen, sich auszutesten, über die Strenge zu schlagen, dabei auch Misserfolge hinzunehmen …. und erstarkt daraus hervorzugehen.

Junge Mädchen definieren sich allerdings kaum über die Eltern, sondern über Freundinnen und Freunde. “Mädchen sind die einzigen, die einander wirklich Aufmerksamkeit schenken können, die Art, die wir mit Geliebtwerden gleichsetzen.” Wie stark jedoch auch heute noch der Wunsch nach der Anerkennung der Jungs ist und sei es um den Preis der Demütigung, auch das zeigt Emma Cline mit einem stilistischen Kunstgriff in die heutige Zeit - in diesen Passagen will ein Mädchen einem Jungen (und dessen viel älteren Freund) unbedingt gefallen, will dass er ihr Anerkennung zeigt, sie liebt. Doch das geht nur über Aussehen, über direkte Körperlichkeit am besten. So zog sie schließlich “ihr Shirt herunter, das Gesicht gerötet - doch größtenteils verträumt”.


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 The summer of Helter Skelter








Dienstag, 9. August 2016


Käsebier erobert den Kurfürstendamm - Gabriele Tergit - Schöffling & Co 



Gabriele Tergit , Journalistin und Schriftstellerin (1894 – 1982), schildert in ihrem Roman “Käsebier erobert den Kurfürstendamm“, das Lebensgefühl am Ende der Weimarer Republik. Ihre Protagonisten entstammen ihrem eigenen beruflichen Milieu, es sind die Zeitungsmacher, die Redakteure, Schriftsetzer, Drucker, denen ihr besonders Interesse, ihre Zuneigung gilt. Der Tonfall trifft dabei genau den Berliner Jargon: Schnodderig und großmäulig, man “roch diese Luft aus Freiheit, Frechheit und Benzin” - Großstadt eben. Doch “Berlin ist keine schicke Hauptstadt, wie Paris oder Rom oder London[…], nach Berlin kommt man vom Osten, um eine Stellung zu finden, um zu filmen, um zu malen, um Musik zu machen“. 

Um Musik zu machen kommt auch Käsebier, er singt einfache, volksnahe Berliner Lieder, doch die Journaille, immer am Puls der Zeit – schnellschnell die Zeilen hingekloppt , unter Druck in den Druck - stets um die Schlagzeile der Entdeckung eifernd, stilisiert ihn zum Chansonnier, hebt ihn zum Star empor, um ihn später genauso flott wieder fallenzulassen. 

Die Autorin gibt mit ihrer Sprache Tempo, Unrast, Oberflächlichkeit dieser Zeit um 1930 äußerst gelungen wieder. Technik, Kultur und Gesellschaft entwickeln und ändern sich rasant. Und wo Frauen eben erst für Wahlrecht und Universitätszugang kämpften, geben sie sich nun sehr selbstbewusst, kleiden sich à la mode im Garçonne-Stil und haben ein Verhältnis oder zwei. Doch definieren sie sich über Männer und deren Prestige und Einkommen, wirklich wirtschaftlich unabhängig sind sie nicht.

Zwar sind auch andere gesellschaftliche Änderungen wahrnehmbar, jüdische Geschäfte verschwinden, der eine oder andere verlässt Berlin und Deutschland, es gibt hohe Arbeitslosigkeit, die eine gnadenlose hire-and-fire-Mentalität begünstigt – doch noch singt und lacht man mit Käsebier, glaubt mit, Fleiß und Sparsamkeit sei alles irgendwie zu schaffen, und taumelt so mit geschlossenen Augen dem Abgrund entgegen, denn bald schon wird die schöne Glitzerwelt im braunen Morast versinken.

So ist der Roman um den gescheiterten Käsebier zugleich ein eindrucksvolles Zeitdokument, das – lockerleicht in Stil und Sprache – die feinen Risse und dann die tiefen Brüche offenlegt, die – vor lauter Leben kaum bemerkt – zum Untergang der Demokratie, des Bürgertums und der Stadt führen sollten.

Mittwoch, 25. Mai 2016



Knut Hamsun - Pan - Manesse Verlag




Leutnant Glahn lebt mit seinem Hund allein in einer Hütte im Wald. Er liebt die Natur, die langen, hellen nordischen Sommernächte. Und er liebt Edvarda, die schöne Tochter des reichen Kaufmanns, doch liebt sie ihn auch? Es ist wohl eine Amour Fou, eine verrückte Liebe, es wird niemals klar, was die Liebenden verbindet.
Sie spielt ein perfides „ich liebe dich … nicht, doch, vielleicht“ Spiel --- hält alles im Vagen – und er, entnervt von dem Getue, wendet sich ab und hin und her … Es gibt noch weitere Interessentinnen, sie alle lieben diesen Naturmenschen, den Jäger mit dem „Tierblick“ -- doch nichts will Glahn so richtig gelingen. Er bleibt ein Sonderling und wandert schließlich nach Indien aus.

Das Wunderbare, das Außergewöhnliche an diesem Roman, Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben , ist der innovativ-assoziative äußerst moderne Stil, die Darstellung des Außenseiters Glahn und vor allem die Naturschilderungen.

„Die Luft flimmert vor fliegenden Insekten, von Myriaden schwirrender Flügel. Dort am Waldrand stehen Farn und Sturmhaube, das Bärentraubenkraut blüht, und ich liebe diese kleinen Blumen. Danke, mein Gott, für jede Blüte des Heidekrauts, die ich gesehen habe; sie waren wie kleine Rosen auf meinem Weg, und ich weine vor Liebe zu ihnen … Ich blieb stehen, kniete nieder und leckte voller Demut und Hoffnung einige Grashalme am Wegrand. Danach stand ich wieder auf … du guter Wald, mein Zuhause … ich sehe so etwas wie den Rücken eines Geistes, der lautlos durch den Wald wandert …“

 Und ja, natürlich denkt man an „Pan, den Gott des Waldes und der Natur“ und fühlt sich (von ihm?) magisch in das Buch hineingezogen. Mit diesen Schilderungen soll – so lässt vermuten – auch der Gegensatz vom edlen-wahren Naturmenschen zum minderwertig-deformierten Kulturmenschen dargestellt werden. Ein Hinweis auf Hamsuns Affinität zur nationalsozialistischen Ideologie, die er bis zu seinem Tod 1952 nicht abgelegte. Er starb völlig verarmt und von der norwegischen Gesellschaft geächtet. Sein großer Einfluss auf die literarische Moderne jedoch ist unbestritten.

Montag, 16. Mai 2016

Jonas Karlsson - Das Zimmer - Luchterhand Verlag






„Ich öffnete die Tür und schloss sie wieder, das war alles“.
So beginnt dieser sehr, sehr gut und mit viel psychologischer Raffinesse geschriebene Roman .
Björn wird in ein neues Amtsbüro versetzt, er gibt sich selbstbewusst und kompetent – und erweckt den Argwohn der Kollegen. Karlsson schildert das wunderbar ironisch, und schnell wird klar: Hinter der weltmännischen Attitüde steckt ein unsicherer, sensibler, ja lebensfremder Mensch, der zunehmend unter Druck gerät. Da entdeckt er im Büro eine bisher übersehene Tür – und flüchtet sich in dieses Zimmer. Hier gewinnt er die alte Sicherheit zurück, kann sich erholen, aufatmen.
Dieses Wechselspiel, hier das Büro, dort das Zimmer - Björns Nöte, Björns Erfolge - sind so dicht geschildert, dass man geradezu in das Buch, ja in das Zimmer hineingezogen wird. Doch kann man dem Ich-Erzähler wirklich trauen? Existiert das Zimmer wirklich?
Jonas Karlsson gehört für mich zu den großen Entdeckungen des Jahres 2016. Und ich bin glücklich – ich habe ein Juwel gefunden.

Donnerstag, 21. April 2016




Willa Cather - Mein ärgster Feind - btb Verlag






Willa Cather ist in Deutschland kaum bekannt - dass sie nicht weiter ins Vergessen rutscht ist den Randomhouse Verlagen btb und Manesse zu danken.  In Amerika  aber gilt sie  als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des frühen 20. Jahrhunderts. Viele von Cathers Romanen spielen im ländlichen Amerika und thematisieren das harte Leben der europäischen Einwanderer.  „Mein ärgster Feind“  hat jedoch ein anderes Sujet, es ist die Entwicklungsgeschichte eines jungen Mädchens zur Ehefrau. 

Erzählt wird der Roman aus der Sicht der jungen Nellie. Im Hause ihrer Tante lernt sie Myra Driscoll kennen und ist sofort fasziniert von deren starker  Persönlichkeit und ihrer Geschichte: Blutjung  verlässt sie aus Liebe das ländliche Illinois und den reichen Onkel, sie verzichtet auf ihr Erbe, heiratet den geliebten Mann und geht mit ihm nach New York. Welch junges Mädchen wäre von so einer romantischen Liebe nicht entzückt? Jahrzehnte später trifft Nellie auf das nun ältere Ehepaar. Was ist aus ihnen, was aus ihrer Lebe geworden? Sind sie glücklich, zufrieden, froh? Nellie geht davon aus, doch was sie vorfindet ist desillusionierend.

Willa Cather erzählt eindringlich von der zerstörerischen Kraft der Zeit, der Liebe, Gesundheit, Vermögen zum Opfer fallen. Sie zeigt die Missstimmungen des Alters, das Hadern um den einen Entschluss, der jetzt so tragisch falsch erscheint. Doch ist wirklich nur der Ehemann gemeint, wenn Myra von ihrem „ärgsten Feind“ spricht? Geht es nicht vielmehr um das Erkennen der Vergeblichkeit des Seins  und dass jeder einzelne – für den gewählten Lebensweg verantwortlich – sich in dieser bitteren Aufrechnung selbst zum schlimmsten Feind wird?

Dieser gut geschriebene kleine Roman ist bestens geeignet, Willa Cather als kraftvoll erzählende Autorin neu zu entdecken.

Donnerstag, 24. März 2016

Scholem Alejchem - Tewje, der Milchmann - Manesse Verlag





Tewje, der Milchmann ist ein Klassiker der jiddischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Der Schweizer Manesse Verlag bringt diesen Roman – der in den 1960er Jahren weltweit durch die Musical-Adaption „Anatevka“ / Fiddler on the roof“ zu großer Beachtung gelangte - jetzt neu in der Übersetzung von Armin Eidherr  heraus.

Angesiedelt im russischen Kaiserreich  gibt das Buch Einblicke in das ostjüdische Leben um die Jahrhundertwende. Der Autor Scholem Aljechem (Scholem Rabinowitsch) zeigt ein karges Dasein, geprägt von Schikanen und Pogromen der zaristischen Regierung. Tewje, der Milchmann erzählt in lose zusammenhängenden Kapiteln aus seinem Leben;  Armut und Bedrängnis werden dabei durch Zweckoptimismus und feine Ironie gemildert, ja überhaupt erst erträglich gemacht.  Dabei vereinfacht er Bibelgeschichten und missinterpretiert Richtlinien des Talmud zu seinen Gunsten. „Der eine wird erhöht, der andere wird erniedrigt, das heißt: Der eine fährt, der andere geht zu Fuß. Aber die Hauptsache ist Gottvertrauen, ein Jude muss hoffen, nichts als hoffen“ , sinniert er während des Milchausfahrens.

Mit Pferd und Wagen und ein paar Kühen muss eine große Familie ernährt werden, dabei  gilt es vor allem die sieben Töchter gut zu verheiraten  --  jedoch „Der Mensch denkt, Gott lacht“ und so widersetzen sich die jungen Frauen eine nach der anderen seinen Wünschen, jede wählt einen Ehemann, den Tewje (zunächst) nicht akzeptieren kann. Doch findet er sich schließlich in sein Schicksal, erwirkt sogar die Zustimmung Goldas, der Ehefrau und Mutter - denn „gemeinsames Leid ist halber Trost“ und er ist ein zu guter  Vater, um sich von den Töchtern abzuwenden.

Die Darstellung jüdischen Alltagslebens in Osteuropa, vor allem aber die des Tewjes als Vater, ist Scholem Alejchem glänzend gelungen. Aus seinem Buch, aus seinem Tewje spricht  so viel Herzensbildung, so viel  Lebensklugheit, dass es als Trost und Inspiration immer wieder zur Hand genommen werden kann.

Anmerkungen:
Das Musical Anatevka wird noch bis 30.4.2016 in Dresden aufgeführt.

Am 18.4.2016 wird das Buch in der Israelischen Kultusgemeinde München präsentiert.

Samstag, 12. März 2016


Marie von Ebner-Eschenbach - Unsühnbar - Manesse Verlag







Marie von Ebner-Eschenbach gilt als eine der wichtigsten deutschsprachigen Erzählerinnen des 19. Jahrhunderts. Zum 100 Todestag im März 2016 bringt der Manesse Verlag in gewohnt guter Ausstattung nun die Erzählung „Unsühnbar“ neu heraus.

Von Anfang an gelingt es der Autorin eine geheimnisvolle Aura um das Leben der Protagonistin Maria von Wolfsberg zu schaffen. Ihr Vater will sie gut verheiraten und hat sie dem Großgrundbesitzer Hermann von Dornach versprochen. Maria liebt einen anderen, doch für den Vater steht fest, Hermann soll sein Schwiegersohn werden. „Der Verstand sagt, der klare Blick sieht - hier ist ein Mensch, so vortrefflich, dass eine Frau mit ihm glücklich werden muss.“ Maria zögert, doch fügt sie sich und geht die Ehe mit dem ungeliebten Hermann ein. Mit fein eingestreuten Andeutungen versteht es die Autorin, die Spannung zu halten, ja – ein Geheimnis um gibt die Familie Wolfsberg und als Marias eigentlicher Favorit wieder Kontakt zu ihr aufnimmt und eine Begegnung mit ihr herbeiführt, ahnen wir die mögliche Tragödie. Wird sie dem Ehemann untreu, ihn verlassen?

Nun kommt Ehebruch im 19. Jahrhundert natürlich auch in der guten, adeligen Gesellschaft vor und ist kein Grund, am Leben zu verzweifeln – dies gilt für Männer wohlgemerkt. „Eine scheinbare Vernachlässigung, eine flüchtige Zerstreuung des Gatten, wird von dem Weibe, das sich selbst achtet, übersehen. Was ist ein kurzer Sinnenrausch, dem gewöhnlich klägliche Ernüchterung folgt, im Vergleiche zu der unerschütterlichen, dankbaren Anhänglichkeit an die verehrte Lebensgefährtin, die niemals Nachsicht braucht, aber immer Nachsicht übt“ so die weitverbreitete patriarchalische Auffassung.

Marie von Ebner-Eschenbach erzählt die Geschichte des unsühnbaren Ehebruchs so dicht, so wunderbar, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.  Exzellent ist ihre genaue psychologische Beobachtungsgabe, die sich auch in Tierbeschreibungen zeigt, so erzählt  sie ein kleines „Gespräch“ unter Hunden und zeigt sinnlose Vergnügungen des Adels in Beschreibung einer Jagdgesellschaft mit ihrer brutalen Hetzerei und Töterei.
Zwar ist „Unsühnbar“  inhaltlich dem 19.Jahrhundert angehörig,  doch werden andere, bessere, freiere Zeiten kommen, das ist  im Text bereits spürbar: „Seltsamerweise hatte Maria die öffentliche Meinung gewonnen durch die heroische Geringschätzung, die sie ihr bewies. Die große Welt verzieh, statt zu verdammen“.


Ebner-Eschenbachs schriftstellerisches Können, ihre deutliche  Kritik am Verhältnis Mann-Frau und am Gebaren des Adels sind jedenfalls bereits einer neuen Zeit verhaftet und  so interessiert, berührt und fesselt uns ihr Werk auch heute noch.


Montag, 29. Februar 2016

Irmgard Keun - Kind aller Länder - Kiepenheuer&Witsch





Die zehnjährige Kully ist wahrlich ein Kind aller Länder, sie reist mit ihren Eltern durch Tschechien, Österreich, Polen , Frankreich, Belgien, Holland, die Familie ist auf der Flucht aus Nazideutschland, Vaters Bücher wurden dort verbrannt. Die Reise und die vielen Hotelaufenthalte sind schwierig zu bewerkstelligen, man hat keine Pässe, es fehlt an Geld. Der Vater ist ständig auf Beschaffungstour, Mutter und Tochter lässt er meist im Hotel zurück. In diesem unsteten, ständig Alkohol trinkenden Mann ist unschwer Joseph Roth zu erkennen, der Geliebte Irmgard Keuns.

Nun ist die Geschichte der Reise durch viele Länder aus Sicht und mit Sprache der Kully einfach und schnell zu lesen, sie schreibt, kurzweilig und amüsant, allerdings ist dabei immer die starke Verunsicherung durch Geldmangel und des Vaters Leichtsinn zu erkennen. Die Einblicke in das unsichere Leben deutscher Flüchtlinge im Europa der dreißiger Jahre sind eindrucksvoll, ja bewegend. Mir jedoch geht das Gleiten durch diese gewollt kindliche Darstellung ein wenig zu reibungslos und an manchen Stellen merkt man doch Irmgard Keuns bemühtes Streben nach kindgemäßen Sentenzen.

Um die Schriftstellerin und ihre eigene Flucht aus Deutschland - ihre Bücher wurden 1933 beschlagnahmt - richtig erfassen, richtig würdigen zu können, ist nach meiner Meinung weiterführende Lektüre nötig.

Ich empfehle hierzu Volker Weidermanns „Ostende 1936“ und „Verbrannte Bücher“ sowie von Irmgard Keun „Nach Mitternacht“. „Nach Mitternacht – ein Leben“ ist übrigens auch der Titel der Keun-Biografie von Katja Kulin.





Donnerstag, 11. Februar 2016



William Boyd - Die Fotografin - berlin Verlag





Eins gleich vorweg: Ich liebe Romane, die sich als aufrechte, schonunglos ehrliche Biografien geben und die dargestellten, vermeintlich echten Lebensereignisse eindrücklich mit dokumentarischem Bildmaterial zu belegen suchen.

So auch hier: William Boyd erzählt das (komplett fiktive) Leben der englischen Fotografin Amory Clay, es umfasst fast das ganze 20. Jahrhundert, und - ich will jetzt ganz genau sein - nicht er erzählt, nein, es ist ja eine Autobiographie, Amory Clay selbst legt hier als nun alte Dame Rechenschaft ab - und sie hat viel zu berichten: Aufregend war es, in den zwanziger/dreißiger Jahren in Berlin, weibliche Fotografen waren äußerst ungewöhnlich und die roaring twenties bereiten Amory gründlich aufs weitere Leben vor.

Dazu gehört natürlich der zweite Weltkrieg, den sie als Kriegsberichterstatterin hautnah miterlebt, dazu gehören Liebschaften, eine Ehe, Kinder …. Im Vordergrund steht jedoch ihr Beruf, Details und wichtige Ereignisse in ihrem Journal werden mit Fotos belegt. Die Illusion ist perfekt.

Wie konnte dieses (Kunst)werk so gut gelingen? William Boyd kaufte einen Koffer voll alter, namenloser Fotos – zugegeben, das erinnert an Ransom Riggs „Die Insel der besonderen Kinder“, auch hier werden Fotos zur Unterstreichung der Echtheit der Fiktion benutzt. Doch jetzt kommt Boyds großes Können: Er schreibt perfekt im Duktus einer Frau - und ich glaube ihr jedes einzelne Wort. Natürlich - Amory Clay ist echt und wir erfahren ihr Leben durch ihre Worte, ihre Fotos.

William Boyd ist - wie seine Leser - gefangen im Erzählfluss seiner Fotografin, was macht es da schon, dass er ihre Biografie einen Hauch zu fazettenreich anlegt und ein oder zwei Episoden zu lang fabuliert. Wir verzeihen es, denn das letzte Kapitel ist so brillant geschrieben, dass wir das Buch mit Wehmut und doch sehr viel Glücksgefühl zufrieden zuklappen können.

Besonders erwähnenswert ist seine Danksagung ganz zum Schluss, die nicht - wie üblich - an die Ehefrau, den Verleger, den Lektor geht, sondern vielmehr einer ganzen Reihe von Künstlerinnen, Schriftstellerinnen, Fotografinnen gewidmet ist (das Nachrecherchieren zu diesen Musen ist einfach wunderbar), so zum Beispiel der Journalistin Annemarie Schwarzenbach , der Modefotografin Edith Glogau, der Reiseschriftstellerin Martha Gellhorn, den Fotografinnen Marianne Breslauer und Edith Tudor-Hart - denn aus diesen Inspirationen ist es ja entstanden, das spannende, das schöne Leben der Amory Clay.






Die Musen 




Annemarie Schwarzenbach


                                         Martha Gellhorn
                                    (mit E. Hemingway)



© wikipedia 

Mittwoch, 3. Februar 2016


 David Grossman - Kommt ein Pferd in die Bar - Hanser Verlag






„Kommt ein Pferd in die Bar“ …. mit diesem launigen Titel gelangen wir direkt in eine Stand-up-Comedy.  Die Zuschauer, gut aufgelegt, ersehnen lustig-leichte Unterhaltung und sie erwarten Dovele, den israelischen Comedian, zu seiner Vorstellung. Doch wie man weiß, die Tragik liegt recht nah bei der Kömodie.  Nein … so richtig lustig ist er nicht, das wird im weiteren Verlauf doch recht schnell klar - was hier geboten wird ist die Geschichte eines verlorenen Lebens, ein Trip, der Zuschauern/Lesern alles abverlangt und „…. sie wären längst gegangen …. wenn da nicht etwas Verlockendes wäre, dem man so schwer widerstehen kann: ein Blick in die Hölle von jemand anderem.“

David Grossman hat dieses Drama  in einem atemlosen Bühnenauftritt  angelegt, einer Tour-de-Force von der es kein Entrinnen gibt, denn Duvele spielt in dieser letzten Aufführung gewissermaßen um sein Leben , er will herausschreien, was bisher niemand hören wollte, er will erneut erleiden, was bisher niemand sehen wollte.

Angesiedelt in der sogenannten zweiten Generation, der Kinder von Shoah-Überlebenden , sehen wir Duvele als Kind polnischer Juden, schmächtig und klein leidet er unter den Schlägen des Vaters und sieht sich doch in Verantwortung für die durchs Lager traumatisierte, depressiv-suizidale Mutter. Unsagbar die Belastung, kaum auszuhalten die seelisch-körperlichen Leiden in der Schule. Doch er erduldet still und zeigt ein fröhliches Gesicht und hilft das nicht, geht er auf Händen, und wird so fast wortwörtlich unangreifbar, ein Schauspieler, ein Clown - und niemand darf die Tränen sehen, niemand die Anstrengung bemerken.

Grossman erzählt diese tragische Lebensgeschichte stilistisch wunderbar aufbereitet - erleben wir doch Duveles Auftritt 1:1 und werden so gleichsam zum Zuschauer an der Bühne. Wir lachen zunächst, ahnen jedoch bald, dass hier Unseliges passieren wird – und doch wir bleiben, leben, leiden mit und verlassen zum Schluss taumelnd und weinend den Ort des Geschehens. Wir wissen, wir haben ein Meisterwerk gelesen.



Termin: Mo, 4.4.2016, 20:00, Akademie der Künste Berlin
David Grossman: "Kommt ein Pferd in die Bar".
Einführung und Gespräch: Lothar Müller, deutscher Text: Ulrich Matthes.

Dienstag, 26. Januar 2016

Jolien Janzing        Die geheime Liebe der Charlotte Bronte         Herbig Verlag




Zum 200. Geburtstag Charlotte Brontës 2016 gibt es eine Reihe von Neuauflagen und Neuübersetzungen. Der Herbig Verlag präsentiert zum Jubiläum “Die geheime Liebe der Charlotte Brontë” und liefert damit ein must-read für alle Fans der Schriftstellerin.

Jolien Janzings sehr gut recherchierter, flüssig erzählter Roman bringt uns ins Brüssel um 1840: Charlotte und Emily Brontë möchten am renommierten Institut Héger ihr Französisch perfektionieren und die Leitung eines solchen Instituts studieren, denn - so der Plan – in England soll später ihre eigene Schule eröffnet werden. Von Madame und Monsieur Héger freundlich aufgenommen, können sie nach einiger Zeit dort bereits selbst unterrichten.

In Constantin Héger findet Charlotte einen Mann auf intellektueller Augenhöhe, er bewundert ihre literarischen Fähigkeiten, ihre Fantasie, ihre schöpferische Energie - und ist dabei ein doch ein so ganz anderer Typ Mann, als sie es von Nordenglands Kleinstädten gewohnt ist. Nonchalant, charmant, sinnesfroh. Sie verliebt sich in ihn, doch ist der Schulleiter, ihr Master - wie sie ihn nennt - ein verheirateter Familienvater. Liebt er sie auch? Wir wissen es nicht genau, können aber wohl annehmen, dass es doch nicht ganz in dem Maße war, wie Charlotte Brontë es erhoffte.

Dieser üppige historische Stoff erscheint der Autorin offensichtlich nicht ausreichend für ihren Roman, sie meint, ihr weibliches Publikum mit weiterem amourösen Drumherum bedienen zu müssen und so mischt sie mit süßbuntem Lokalkolorit die Geschichte von König Leopold und seiner Mätresse unter ihren wunderbaren, zarten Brontë-Stoff und kippt dazu noch überflüssig-erfundene Tändeleien um einen Brüsseler Verehrer Charlottes obendrauf, alles nach bekanntem Muster ein bißchen Historie hier, ein Schuss Romantik dort - nichts von Bedeutung, nicht von Wert.
 
Mit diesen sehr schwachen Passagen schadet sie dem Roman, der dabei zusehends verflacht und sich Frauenroman-Niederungen bedenklich nähert, sie schadet aber auch sich selbst, denn Jolien Janzing kann mehr.

Wir lesen das, wir spüren es, wenn sie sich auf ihr eigentliches Thema konzentriert. Charlotte Brontës Seelennöte, die Abgründe vor denen sie steht, als sie erkennen muss, es wird keine Zukunft geben, werden hervorragend herausgearbeitet und bewegen zutiefst. Dabei wendet sich die Autorin häufig direkt an ihre Leserinnen: „Lassen Sie Ihren Blick über England gleiten, bis Sie bei den windigen, baumlosen Hügeln von West Yorkshire sind …. Die Überlegungen von Charlotte und Emily sind Ihnen wohlbekannt, lieber Leser …“ Damit bindet sie uns in den Roman ein, wir werden Teil des Geschehens, werden gleichsam in den Roman hineingezogen und denken unwillkürlich an die weltbekannte Ansprache Jane Eyres an ihre Leser: „Reader, I married him“.

So weit wird es im wirklichen Leben nicht kommen.
Nach der endgültigen Rückkehr aus Brüssel schreibt Charlotte dem geliebten Mann Briefe, sie will den Kontakt zu ihrem Mentor nicht verlieren. Diese herzzerreißenden Dokumente, von denen vier auf geradezu wundersame Weise erhalten blieben, zeigen Charlottes unsterbliches, doch vergebliches Bemühen um ein privates Glück.

Sie verarbeitet die Brüsseler Geschehnisse künstlerisch in mehreren Romanen, dazu gehören “Der Professor”, “Vilette” und “Jane Eyre”.
Jolien Janzings Buch um Charlotte Brontë bietet dafür den richtigen Einstieg.

Samstag, 16. Januar 2016


Rezension:      Martin Walser "Ein sterbender Mann"    Rowohlt Verlag      

   


„Schönheit gilt“ - schreibt Martin Walser zu Beginn seines Alter-Alterswerks „Ein sterbender Mann“. Das hier vorliegende Buch kann nicht gemeint sein, denn dieser psychologische Briefroman, eine Art Anleitung zum Unglücklichsein, ist misslungen.

Stilistisch zwar großartig, inhaltlich jedoch trivial bis zum Unerträglichen, lässt er seinen Protagonisten, den Autor Theo Schadt [!], im schriftlichen Dialog mit seinem Alter Ego und mit anderen Unglücksgefährten, sein ganzes Leid schildern (klischeehaft zusammengesetzt aus dem treulosen Freund, der dümpelnd-watteweichen Ehe, und ja - einer schlimmen Erkrankung). In endlos eitlem Gerede gibt dieser sich nun dem so typisch deutschen persönlichem Weltschmerz und Todeswunsch hin. Und das heißt Jammern, Jammern, Jammern auf hohem, überstrapazierendem Niveau. Man quält sich völlig ungerührt und mit viel Disziplin durch das unsägliche Romangeschehen und merkt doch dem Werk jederzeit das Bemühen, ja das Ringen um den großen Wurf an.


Nur im vom sonstigem Geschehen losgelösten Mittelteil - in den „Berichten an die Regierung“ und in dem freien Gedankenstrom „Ums Altsein“ - hat Walser wirklich Maßgebliches zu sagen. Hier ist er auf wenigen Seiten authentisch, wahr, brillant. Das mag für Feuilleton und Aphorismen reichen, für einen ganzen, für einen guten Roman reicht es nicht.



Dienstag, 1. September 2015

Lina Loos - Das Buch ohne Titel - edition atelier





Die blutjunge, bildschöne  Lina Obertimpfler lernt 1902 am literarischen Stammtisch Peter Altenbergs den wesentlich älteren Architekten Adolf Loos kennen und noch am selben Abend bittet er sie um ihre Hand. Klingt wie ein Märchen? Ist aber eine wahre Geschichte, nachzulesen in Lina Loos wunderbarem  „Buch ohne Titel“.  

Diese amüsanten Anekdoten, die erlebten Geschichten, die fein formulierten Feuilletons gehören sicher zum Besten dieser literarischen Gattung. Ob es sich nun um Privates wie die liebevollen Erinnerungen an die Mutter, ein Brief an den Ehemann oder Würdigungen der prominenten Freunde (u.a. Altenberg Csokor, Friedell), um Theatergeschichten der Schauspielerin Lina Loos oder um überspitzte Glossen handelt – sie sind wunderbar geschrieben und lassen Alltag und düstere Gedanken in kürzester Zeit vergessen.

Zurück tritt aber auch der historische Kontext der 2 Weltkriege, die Machtübernahme der deutschen Nationalsozialisten , die Selbstmorde der Freunde. Lina Loos konnte sich nur durch unauffälliges Stillhalten dem Naziterror entziehen. Umso eindrücklicher wirkt da die Notiz des Herausgebers Adolf Opel zur Reichskristallnacht: „Lina Loos begibt sich an die Tatorte, … folgt dem Tross der Brandstifter und Plünderer und spricht …. immer wieder die Worte‘ Ich bin Zeuge! Ich bin Zeuge!‘ Wie durch ein Wunder entkommt sie unbehelligt.“  Nach der Befreiung Österreichs engagiert sie sich in der Frauen- und Friedensbewegung.

Die erste Buchausgabe editierte sie 1947 noch selbst, die hier vorliegende Ausgabe wurde durch Adolf Opel zusammengestellt.  Ein großer Dank gebührt dem österreichischen Verlag edition atelier, der das „Buch ohne Titel“ nun neu herausbringt und diese geistvolle, fazettenreiche Autorin einer hoffentlich großen Leserschaft neu zugänglich macht.

Nur bitte nicht gleich alles ruckzuck lesen – diese erlebten Geschichten, diese schönen Perlen schimmern langsam aneindergereiht noch viel schöner und strahlender!

Dienstag, 18. August 2015


Charlotte Salomon





Rezension "Charlotte", David Foenkinos, DVA


Das erste, was ins Auge fällt sind die knappen Worte, die kurzen Sätze.
So will er ihr Leben schildern. Detailreich, doch ohne Ornament. Einfühlsam, doch ohne Pathos.

Charlotte Salomon wächst im Berlin der 20er und 30er Jahre im großbürgerlichen Charlottenburg auf. Wissenschaftler, Intellektuelle, Künstler sind häufig zu Gast. Ihre Jugend ist jedoch nicht unbeschwert, in der Familie liegt ein Hang zu Depression und Selbstmord. Auch Charlottes Mutter hat sich das Leben genommen. „Der Weg der Überlebenden ging über das Schweigen“ beschreibt David Foenkinos dieses Familientrauma.

Doch Charlotte entdeckt die Malerei als ihre Ausdrucksform, kann sich als eine der letzten Jüdinnen an einer Kunstakademie einschreiben, einen Preis für ihre Bilder darf sie schon nicht mehr entgegen nehmen.

Schließlich verlässt sie Berlin und geht nach Frankreich ins Exil. Bald herrscht auch dort der deutsche Terror. Charlotte geht weiter. Ins innere Exil. So entsteht ihr Lebenswerk, ihre Geschichte in Bildern, sie nennt es „LEBEN? ODER THEATER?“. Es ist ein autobiografisches Gesamtkunstwerk: Text, Musik und hunderte von Illustrationen. “Sie haben etwas Naives und zugleich Kraftvolles“ urteilt Walter Benjamin. „Ihre Bilder sprudeln vor Energie und Ideen“ sagt David Foenkinos.

Er begegnete ihr Anfang der 2000er Jahre. Zunächst bei Streifzügen durch Berlin-Charlottenburg, diese Schilderungen erinnern an den großen Flaneur Berlins, Franz Hessel.

Und dann war sie da. Persönlich. In einer Ausstellung. „Und leuchtete in schillernden Farben“. Und es war um ihn geschehen. Überwältigt.Verliebt. Besessen.
Wie konnte er diese starken Gefühle für sich künstlerisch verarbeiten? Foenkinos lässt uns am Schaffensprozess teilhaben. Wie er gerungen hat. Um den Inhalt, um die Form. Und es ist ihm gelungen: Durch den einfachen, knappen Stil, durch das Gespräch mit seinen Lesern wird dieses Buch zu einem Erlebnis. Sehr nah, sehr glaubhaft, sehr gut.

Wir stehen mit ihm vor der Berliner Wohnung, wir reisen mit ihm nach Frankreich, wir gehen ihre Wege. In diesem sehr starken letzten Buchabschnitt erzählt er noch einmal von seiner Suche nach ihr.

Da steht sie mit einem Koffer. Voller Bilder. Und übergibt alles einem Vertrauten. „C’est tout ma vie“ sagt sie. Denn sie werden nun doch noch von der Welt gejagt. Sie und ihr Mann werden nach Auschwitz verschleppt und ermordet.

Ob nun Roman, Biografie oder Bericht einer großen Leidenschaft ist für die Bewertung des Textes unerheblich. Es ist David Foenkinos eigenes und wohl persönlichstes Projekt:
Die Künstlerin Charlotte Salomon soll nicht im Grau der Zeit verblassen.
Er will sie uns zurückholen. In ihren leuchtenden Farben. Ins Hier und Jetzt und Immer.

„Das wahre Maß des Lebens ist die Erinnerung“ – dieses Benjamin-Zitat könnte über Charlottes Werk stehen, sagt Foenkinos. Es passt genauso gut zu seinem. 






In Charlottenburg


Wohnhaus Wilandstr. 15
Eingangstür

Gedenktafel am Haus
Stolpersteine

Eingangstür Schule

Fürstin-Bismarck-Lyzeeum
jetzt Sophie-Charlotte-Schule
Sybelstr. 2 - 4 






Schulweg über Walter-Benjamin-Platz






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Leben oder Theater? Ein autobiographisches Singspiel in 769 Bildern. Kiepenheuer und Witsch

Montag, 17. August 2015



Rezension: Peter James Bowman - Ein Glücksritter - Die Andere Bibliothek





1817 heiratet Hermann von Pückler-Muskau die Gräfin Lucie von Hardenberg, sie ist seine treue Freundin, seine Seelenverwandte, seine „Schnucke“. Schloss Muskau ist der Familiensitz, Garten und Park sind des Fürsten größte Leidenschaft. 

Doch er ist verschuldet und kann das große Anwesen 1825 kaum noch halten. Geld muss her, sonst ist das Schoss, ist sein Park verloren. Da kommt er mit seiner Schnucke auf eine vertrackte, doch vielsprechende Idee: Das Paar lässt sich pro forma scheiden und Pückler-Muskau macht sich auf nach England. Hier gibt es Schlösser, Gärten, Parks von deren Gestaltung er zu lernen hofft, doch das eigentliche Anliegen, die Geldbeschaffung, soll mittels Heirat einer reichen Erbin gedeichselt werden.

Nun ist das zu dieser Zeit keineswegs unüblich. Viele Kontinentaleuropäer versuchen so ihr Glück zu machen. Allerdings gestaltet sich Pückler-Muskaus Suche besonders schwer: Jung soll sie sein, schön soll sie sein, Geld soll sie haben, dazu ein bißchen einfältig – denn sie soll gemeinsam mit ihm UND seiner geschiedenen Frau auf Schloss Muskau zusammenleben. 

Klingt unglaublich? Und doch erzählt der Cambridger Germanist Peter James Bowman hier eine wahre, exzellent recherchierte Geschichte. Der Stil, die Sprache sind wunderbar und die Lektüre ist die reine Freude. Wie geht diese amüsante Geschichte nun weiter? Wird unser Glücksritter erfolgreich sein? Die Erbin, das Geld und Schnuckes Wohlwollen erhalten? „Weißt du wohl Schnucke, dass ich verliebt bin - rate einmal in wen?“ – schreibt er aus England. Die Antwort und noch viel mehr Interessantes und Abenteuerliches um den "grünen" Fürsten" hält dieses Buch-Kleinod bereit. 

Dienstag, 11. August 2015

Obedience / Gehorsam


Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin


Hier geht es um die biblische Geschichte von Abraham und Isaak. Gott befiehlt Abraham den Sohn Isaak zu opfern. Im letzten Moment hält ein Engel ihn jedoch davon ab, Isaak zu töten. Diese Geschichte findet sich ähnlich in den drei Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam.

Die Ausstellung mit 15 Installationen ist das Beste was ich seit langem im Museum gesehen habe. Der Besuch ist ein spektakuläres Erlebnis für alle Sinne. Beteiligt ist auch der bekannte Filmregisseur Peter Greenaway (Der Bauch des Architekten), darum sind insbesondere die filmischen Sequenzen außerordentlich gut. 

Must See!









Dienstag, 4. August 2015

Kupferstichkabinett


    WIR KOMMEN AUF DEN HUND



Das Kupferkabinett (Berlin, Kulturforum, Potsdamer Platz) hat sich in seiner Sommerausstellung 2015 ganz dem Hund gewidmet.






Man braucht für einen Rundgang durch diese schöne Sammlung ungefähr eine Stunde.


Das Beste: Zu ausgewählten Zeiten / Führungen dürfen Hunde mitgebracht werden!





Jetzt auf dem Reader ....






Anlässlich des 70. Geburtstags des großen Meisters lese ich mein Modiano-Lieblingsbuch "Ein so junger Hund" noch mal .... 


Modianos Drang, Schicksale durch Fotos, Papierfetzen, Adressen nach zu verfolgen (hier der fiktive Magnum-Fotograf Francis Jansen) und damit dem Vergessen zu entreißen ist in Zusammenhang mit exzellenter Formulierungs- und Stilkunst für mich perfekt, poetisch, berührend, wundervoll. Geht es besser? Ich glaube nicht. Je mehr ich von Modiano lese, desto mehr verfalle ich ihm und kann mich kaum noch aus seinen Büchern lösen.